+41 41 544 36 44
  • en
  • de
  • Welche Werte braucht ein Pharma- und Chemieunternehmen bei exponentieller KI-Entwicklung heute?

    von Michael Keusgen

    Die Pharma- und Chemieindustrie steht vor einer technologischen Zäsur. Künstliche Intelligenz (KI) ist kein Zukunftsszenario mehr, sondern Teil der Unternehmensrealität und sie beeinflusst die Strategie vieler Organisationen bereits heute deutlich. Laut einer Salesforce-Umfrage aus dem September 2025 sehen 94 % der Life-Sciences-Führungskräfte KI als kritischen Faktor für organisatorische Kapazität und operative Skalierung.

    Während sich jedoch die Technologie dabei schnell entwickelt, bleibt die strategische Integration häufig hinterher. Denn KI steht nicht nur für Automatisierung, sondern auch für datengetriebene Entscheidungen, neue Geschäftsmodelle und eine veränderte Arbeitswelt. Gerade in einer Branche mit jahrzehntelangen Entwicklungszyklen entsteht so eine doppelte Herausforderung: Wie lässt sich KI so integrieren, dass sie echten Mehrwert liefert – und wie wird sie nachhaltig, ethisch und menschenzentriert gestaltet?

    „KI ist für Pharma- und Chemieunternehmen keine reine Effizienztechnologie, sondern eine strategische Wertefrage. Wer KI langfristig erfolgreich einsetzen will, muss sie nicht nur technisch beherrschen, sondern kulturell und ethisch verankern – gerade in sensiblen Bereichen wie dem Gesundheitssektor“, so Michael Keusgen, Experte für KI-Transformation und CEO der Ella Media AG.

    Wie trifft technologische Dynamik auf die unternehmerische Realität?

    In der Branche zeigt sich ein gemischtes Bild: Einige Konzerne sind weit, viele Mittelständler noch am Anfang. KI wird oft punktuell genutzt – etwa für Diagnostik, Prozessautomatisierung oder Marktanalysen. Die eigentliche Transformation beginnt jedoch dort, wo KI Entscheidungslogiken und Organisationsstrukturen beeinflusst: datenbasierte Prozesse gewinnen an Gewicht, klassische Hierarchien werden stärker hinterfragt.

    Warum ist KI kein klassisches IT-Projekt?

    KI-Integration ist nicht linear. Sie lässt sich häufig parallel zur bestehenden Struktur testen und dann schrittweise skalieren – schneller als klassische Software-Rollouts. Das bringt Chancen, aber auch neue Fragen: Welche Aufgaben verändern sich? Welche Kompetenzen werden zentral? Wie bleibt der Mensch im Zentrum?

    Wie stark KI Produktivität beeinflussen kann, zeigen Beispiele aus dem operativen Biopharma-Umfeld: McKinsey beziffert das jährliche Potenzial generativer KI in biopharmazeutischen Operations auf 4 bis 7 Mrd. US-Dollar – durch Produktivitätsgewinne, Qualitätsverbesserungen und Kostenreduktion. 

    Welche Rolle spielt der Mensch – KI als Ergänzung statt Ersatz?

    Viele Mitarbeitende fürchten Jobverlust. Gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel – besonders im Gesundheitsumfeld. Die WHO erwartet weltweit einen Mangel von 11 Mio. Gesundheitsfachkräften bis 2030

    Damit wird klar: KI kann entlasten, priorisieren und unterstützen – wenn sie als Assistenz gedacht und gestaltet wird. Entscheidend ist: Technologie ergänzt menschliche Interaktion, sie ersetzt sie nicht.

    Warum sind Ethik, Transparenz und Datenschutz als Fundament wichtig?

    In Pharma und Chemie ist der Umgang mit sensiblen Daten zentral. Ethische Leitlinien müssen deshalb nicht nur formuliert, sondern in Prozesse übersetzt werden – etwa über Verantwortlichkeiten, Audits und Kontrollmechanismen. Sonst drohen nicht nur Compliance-Risiken, sondern auch Vertrauensverlust.

    Ein weiterer Wertebaustein ist Nachhaltigkeit, denn KI-Infrastruktur hat einen realen Energie-Footprint: Die IEA schätzt den Stromverbrauch von Rechenzentren weltweit auf etwa 415 TWh (rund 1,5 % des globalen Stromverbrauchs) im Jahr 2024; bis 2030 kann er im Basisszenario auf rund 945 TWh steigen. Das macht Effizienz und verantwortliche Architekturentscheidungen (Modelle, Partner, Datenhaltung) zu einem strategischen Thema – nicht zu einem „Nice-to-have“.

    Welche Bedeutung hat der EU AI Act – und warum sollten Unternehmen jetzt handeln?

    Der EU AI Act ist der zentrale regulatorische Rahmen. Die Verordnung (EU) 2024/1689 ist die rechtlich verbindliche Grundlage (EUR-Lex). Sie wurde am 12. Juli 2024 im Amtsblatt veröffentlicht und trat am 1. August 2024 in Kraft; die Mehrheit der Pflichten wird nach Übergangsfristen ab August 2026 anwendbar. 

    Für Unternehmen bedeutet das: Nicht „ab 2026 mal schauen“, sondern jetzt Bestandsaufnahme und Governance starten:

    • Welche KI-Systeme sind im Einsatz (auch Pilot/Shadow-IT)?
    • Welche Risikoklasse ist plausibel?
    • Wie werden Dokumentation, Risikomanagement und menschliche Aufsicht organisatorisch verankert?

    Welche Werte sind für eine erfolgreiche KI-Transformation entscheidend?

    Bei exponentieller Entwicklung braucht es einen Wertekompass, der Entscheidungen in Strategie, Produkt, Betrieb und Kommunikation leitet. Zentral sind:

    • Verantwortung (Daten, Risiken, Stakeholder-Auswirkungen)
    • Mut (Innovation aktiv gestalten statt passiv reagieren)
    • Empathie (Akzeptanz und menschliche Interaktion schützen)
    • Nachhaltigkeit (Ressourcen- und Energieeffizienz mitdenken) 
    • Zusammenarbeit (interdisziplinär, mit Partnern, entlang der Wertschöpfung)
    • Respekt (für Mitarbeitende, Patienten, Partner, Behörden)

    Warum ist KI Wegbereiter – und kein Selbstzweck?

    KI verändert die Pharma- und Chemiebranche grundlegend – von der Wirkstoffforschung über klinische Studien bis hin zur personalisierten Medizin. Die Forschung hat durch KI-gestützte Analysemodelle enorme Fortschritte erzielt, indem sie die Entwicklung neuer Wirkstoffe beschleunigt, klinische Studien effizienter gestaltet und die Grundlagen für individualisierte Therapien geschaffen hat. Doch Unternehmen müssen KI strategisch einsetzen, um regulatorische Hürden zu meistern und das Vertrauen der diversen Stakeholder zu gewinnen. Eine zu schnelle Automatisierung administrativer Prozesse kann zu Vertrauensverlusten führen, während eine unkontrollierte Datennutzung regulatorische Probleme nach sich zieht. Unternehmen stehen vor einer strategischen Entscheidung: Wollen sie KI als reines Effizienztool und damit als Selbstzweck begreifen oder als Hebel für eine zukunftsfähige, wertebasierte Unternehmensentwicklung – und zur Lösung realer Probleme?

    Dabei ist klar: Die Zukunft gehört den Unternehmen, die KI mit klaren Werten gestalten. Verantwortung, Transparenz und Nachhaltigkeit sind nicht nur ethische Imperative, sondern entscheidende Erfolgsfaktoren. Wer es schafft, KI intelligent, menschenzentriert und wertebasiert in seine Strategie zu integrieren, wird nicht nur technologisch, sondern auch unternehmerisch erfolgreich sein.

    FAQ: Wertebasierte KI in Pharma & Chemie

    Warum müssen Unternehmen sich schon jetzt mit dem EU AI Act befassen?

    Weil der EU AI Act seit August 2024 in Kraft ist und Umsetzung Zeit braucht. Rollen, Dokumentation, Risikobewertungen und Governance lassen sich nicht kurzfristig aufsetzen. Wer früh beginnt, vermeidet Zeitdruck und Compliance-Risiken.

    Nimmt KI Mitarbeitenden im Gesundheitsumfeld die Arbeit weg?

    Nein – richtig eingesetzt entlastet KI. Angesichts des Fachkräftemangels im Gesundheitswesen geht es nicht um Ersatz, sondern um Unterstützung: weniger Routine, mehr Zeit für fachliche und menschliche Aufgaben.

    Warum gehört Nachhaltigkeit zwingend in jede KI-Strategie?

    Weil KI reale Ressourcen verbraucht. Energieeffizienz, Architekturentscheidungen und Technologiepartner beeinflussen Kosten, Umweltbilanz und Zukunftsfähigkeit. Nachhaltigkeit ist damit kein Nice-to-have, sondern ein strategischer Faktor.

    Woran erkennt man, dass KI mehr ist als ein reines Effizienztool?

    Daran, ob sie messbaren Nutzen schafft und verantwortungsvoll eingebettet ist: klare Use Cases, nachvollziehbare Entscheidungen, transparente Governance. KI entfaltet Wirkung, wenn sie Prozesse verbessert, Vertrauen stärkt und langfristig tragfähig ist.

    Autorenprofil Michael Keusgen:

    Michael Keusgen ist Experte für KI-Transformation mit Fokus auf den Gesundheitssektor und CEO der Ella Media AG. Er begleitet Unternehmen dabei, Künstliche Intelligenz strategisch, verantwortungsvoll und wertebasiert zu verankern. 

    Seine berufliche Laufbahn umfasst Stationen bei BBC, WTN und ABC News sowie die Gründung von AZ Media. Für seine Arbeit erhielt er unter anderem den Bayerischen Fernsehpreis. Als Geschäftsführer der Siegfried GmbH verantwortete er internationale Medien- und Digitalprojekte, darunter die Neuausrichtung des Eurovision Song Contests sowie die Entwicklung der Digitalstrategie der Constantin Medien AG. Diese Erfahrung bringt Michael Keusgen heute in die Arbeit von Ella Media ein und unterstützt Unternehmen dabei, KI nicht als isolierte Technologie, sondern als kulturellen und organisatorischen Wandel zu verstehen. 

    Unter seiner Leitung hat sich die Ella Media AG von einem spezialisierten Forschungs- und Entwicklungsunternehmen zu einem anerkannten Lösungsanbieter für KI-Persona Building und Beziehungsmanagement entwickelt.